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Mittwoch, 11. April 2012

Wertewandel im Puppenhaus

Wertewandel im Puppenhaus Ausstellungseröffnung Puppenhaus-Design im Wandel der Zeit.

Oberaden.Nicht nur der Flokati-Teppich liegt wieder in Wohn- und Schlafzimmern. Auch Sitzsäcke und voluminöse Plastikstühle zieren wie schon in den 60er- und 70er-Jahren erneut heimische Wohnwelten. Deshalb dürfen sie in Puppenstuben nicht fehlen. Denn sie sind „die große Welt im Kleinen“. Und weit mehr als das.

Zwischen in der DDR geschreinerten Wänden und mit westdeutschen psychodelischen Kreismustern knallorange tapezierten Räumen spiegeln sich politische Systeme, soziale Welten, Konventionen und Träume ihrer Zeit wieder. Das entlockte am Freitag manchem Gast im Stadtmuseum spontane Lachkrämpfe.

Andere schwelgten in Nostalgie, als sie den elterlichen Nierentisch hinter den Vitrinen entdeckten oder den Kohleofen der Großeltern. Die Ausstellung „Moderne Zeiten im Kinderzimmer“ ist mehr als eine Entdeckungsreise durch Design-Welten und Zeitgeist. Sie ist auch ein Ausflug in die eigene Vergangenheit.

„Oh nein!“, rief mancher spontan beim Anblick von spartanischen Küchen aus den 50er-Jahren aus, „das kenne ich noch von zuhause“. Andere konnten sich an den pinken Liegestühlen mit riesigen Blumenmustern auf monströsen Sonnenschirmen nicht satt sehen. „Das gibt’s doch gar nicht: Die gleiche habe ich zuhause!“, rief eine Besucherin aus. Sie erzählte ihrem Begleiter euphorisch im Angesicht eines Miniatur-Blechherdes, wie sie einem ähnlichen Exemplar als Kind mit Brennwürfeln Leben eingehaucht und auf den Herdplatten echtes Miniatur-Essen zubereitet hat.

Ob im Modella-Hauskarton mit Schalensitzen und Tennis-Schlägern auf den Betten, im Dora Kuhn-Haus mit Bauernmöbeln oder im Lundby Economy-Haus mit orangenen Bad-Fliesen: „Über Geschmack lässt sich nicht streiten“, betonte Ausstellungsmacherin Karin Schrey. Was früher mit Le Corbusier oder Charles Rainier als große Designerleistung wahrgenommen wurde, erinnert heute eher an große Spießigkeit und Geschmacksverirrung. Gelsenkirchener Barock und Nierentisch: In den 50er-Jahren griffen auch die Puppenhäuser das Anknüpfen an alte Werte auf. Kataloge von Quelle und Neckermann, Zeitschriften wie „Schöner Wohnen“ helfen beim Datieren von Plastikschemeln vor Schminktischen oder orientalisch anmutenden Schlafwiesen. Was für die 68er-Generation spießig war und aus Kinderzimmern verbannt wurde, hat nicht nur für Sammler längst wieder eigenen Charme.

„Spielzeug bleibt Spielzeug“ versprechen die Kuratorinnen der Ausstellung. Deshalb sieht man allen Puppenhäusern an, dass sie auch benutzt werden. Bergkamen ist übrigens die letzte Station der Wohnwelten en Miniature. Danach kehren sie wieder in die Privatsphäre ihre Besitzerinnen zurück, die ihre Wohnwelten im Kleinen sicher schon ein wenig vermissen.

Katja Burgemeister


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