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Sonntag, 22. April 2012

"Fass mich nicht an!" - Viertklässler beschäftigen sich mit sexuellem Missbrauch

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17. April 2012

Mit einem schwierigen, emotional belastendem Thema setzten sich in den vergangenen Wochen die Viertkl?ssler der Schwarzenbergschule, ihre Eltern, Lehrer und Sozialp?dagogen auseinander: Sie besch?ftigten sich mit sexuellem Missbrauch.

Lotte steht im Schlafanzug im Kinderzimmer und ruft: "Ist da wer? Geh weg! Ich hab’ Angst!". Als es Morgen wird, erz?hlt sie ihrem Onkel, in ihrem Zimmer sei ein Krabbelfinger gewesen, der sie angefasst hat. Es sei eklig gewesen. Der Onkel sagt, das habe sie sicher nur getr?umt – und sie soll’s nicht weiter erz?hlen.

Die Szene im Theaterst?ck, das der Verein Wendepunkt in der Halle der Schwarzenbergschule auf die B?hne bringt, zieht die Kinder in ihren Bann. Mucksm?uschenstill ist es. Ob wohl M?dchen oder Jungen im Raum sind, die so etwas schon selbst erlebt haben? Die offizielle Statistik des Bundeskriminalamtes nennt pro Jahr etwa 15 000 Missbrauchsf?lle bei Kindern unter 14 Jahren. Vereine, die sich mit der Thematik besch?ftigen, gehen von weit h?heren Zahlen aus, weil vieles nicht zur Anzeige ger?t. Und man wei? auch, dass nur ein sehr geringer Teil der Missbrauchsf?lle aufs Konto des gro?en Unbekannten geht, der Kindern auf dem Spielplatz oder sonst wo auflauert – die meisten F?lle ereignen sich im famili?ren Umfeld, wo die Kinder doch eigentlich in einem gesch?tzten Bereich aufwachsen sollen.


Den meisten w?re es zu peinlich, jemandem davon zu erz?hlen
Lotte ist v?llig verst?rt und geht zu ihrer Frosch-Freundin im Schlossbrunnen, ohne ihr zun?chst zu erz?hlen, was sie bedr?ckt. Die Fr?schin legt Lotte den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen auseinander: Gute sind solche, die dich zum Lachen bringen – die darfst du f?r dich behalten; aber schlechte sind solche, die dir Angst machen oder Bauchweh – und die darf, ja muss man sogar jemandem erz?hlen. Und Lotte soll ganz laut "Hau ab!" rufen. Zum ?ben schleicht sie sich von hinten von Lotte an und umf?ngt sie mit ihren frosch-glibberig-klebrigen H?nden und wartet darauf, dass sie sich wehrt.

Was auf die Kinder hier zukommt, das haben die Mitarbeiter von Wendepunkt zuvor sowohl mit den Lehrerinnen als auch mit den Eltern besprochen, denn das war dem F?rderverein der Schule, der die Initiative daf?r ergriffen hat und die Module finanziert, sehr wichtig. Auch beim Theaterst?ck sind einige Eltern anwesend. Direkt nach dem St?ck wird das Gesehene in der Klasse diskutiert, ehe in Gruppenarbeit – M?dchen und Jungen getrennt – zusammen mit Lehrern und Sozialarbeiter Thomas G?bel (bei den Jungen) das Thema kindgerecht vertieft wird.

In einer ?bung laufen die Kinder beispielsweise aufeinander zu, bis es f?r einen von ihnen unangenehm wird: Dann soll er "Stopp" sagen. So wird das Thema N?he und Abstand, individuell unterschiedlich empfunden, dargestellt. Wann sind eine Umarmung und ein H?ndedruck angenehm, wann nicht?

Auf einem Ausmalblatt k?nnen die Kinder einzeichnen, wo man sie ber?hren darf und wo auf keinen Fall. Und sie ?ben, sich aus einer unangenehmen Situation zu befreien: durch Schreien, Wegschubsen oder Weglaufen. Wieder im kompletten Klassenverband vertiefen sie nochmal die im Theaterst?ck angesprochenen guten und schlechten Geheimnisse. ?ber mehrere Beispiele aus dem Alltag der Kinder n?hern sich die Viertkl?ssler der Frage, was man denn tun k?nnte, wenn der Onkel einen streicheln und k?ssen will, obwohl man es nicht mag. Will der wirklich etwas B?ses tun oder meint er es vielleicht ganz nett, fragt ein Junge.

Mut machen, sich Hilfe zu holen
Es jemandem zu erz?hlen, f?nden die meisten irgendwie peinlich und w?rden am liebsten versuchen, dem Onkel aus dem Wege zu gehen. "Ich w?rde es vielleicht Mama oder Papa sagen", sagt ein M?dchen. Ein Junge findet, dass das schwierig ist, denn der Onkel ist ja der Bruder vom Papa und der w?re dann b?se. Thomas G?bel fragt zur?ck: "Hast du denn nicht selbst das Recht, auf ihn b?se zu sein?" Aber er r?umt ein, dass dies schwierig ist und dass es auch sein kann, dass die angesprochenen Erwachsenen den Vorfall vielleicht gar nicht glauben k?nnen oder wollen.

Wieder kommt ein Ausmalblatt ins Spiel: Die Kinder sollen in den Umriss einer Hand in die Finger eintragen, bei welchem Erwachsenen sie Hilfe finden k?nnten. Auch ein Fremder, der nicht zur Familie geh?rt, soll dabei sein. Die meisten schreiben erstmal Mama, Papa, G?tti, Gotti oder den erwachsenen Vetter ein. Mit den Fremden tun sie sich schwerer, nennen aber dann Polizei, Jugendamt, eine Nachbarin, den Schulsozialarbeiter und die Lehrerin.

Immer wieder ermutigt Thomas G?bel die Kinder, auf ihr eigenes Gef?hl zu h?ren und sich zu trauen, davon zu erz?hlen. Dass dies gar nicht so einfach ist, merken sie sp?testens in zwei Rollenspielen Polizist/Kind, Vater/Kind: Wie soll man nur die richtigen Worte finden, um das Be?ngstigende, das Unglaubliche zu erkl?ren?

G?bel weist M?glichkeiten auf, erz?hlt von der "Nummer gegen Kummer", wo man sich Rat holen kann. Als die Stunde dann zu Ende ist, laufen sie entspannt plaudernd aus dem Raum – keines macht hier den Eindruck, als h?tte es Missbrauchserfahrungen, aber die Mitarbeiter von Wendepunkt sowie die Lehrer und die Sozialp?dagogen sind auch darauf eingestellt, Kindern zu helfen und sie aufzufangen, wenn ihnen beim Theaterst?ck oder sp?ter in der Klasse die Seele ?berl?uft. Autor: Sylvia Timm


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