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Donnerstag, 5. April 2012

Das Ego ist ein Schuft, der einen in Geiselhaft nimmt«



Götzendämmerung: André Heller in seinem Wiener Stadtpalais im 1. Bezirk.

SZ-Magazin: Herr Heller, mit sieben Jahren wurden Sie Ministrant. Was begeisterte Sie an diesem Amt?
André Heller: Als Altardiener und Lektor war ich Teil eines bizarren Theaterstücks, das in einer Fantasiesprache aufgeführt wurde – ich habe ja nicht Lateinisch gekonnt. Katholische Magier in merkwürdigen Prachtgewändern vollzogen Rätselrituale und schwenkten eine Art Handtasche, die Weihrauch verströmte. Es gab die Verwandlung einer gewöhnlichen Oblate in das Fleisch Jesu Christi, und Wein wurde zu Blut. Stellen Sie sich vor, was das für ein fantasiebegabtes Kind bedeutet. Und ich war es, der das Werk mit am Laufen hielt. Ich war sozusagen der Steward, der gewährleistete, dass der Priester in seiner Anmaßung stattfinden konnte, die ja immerhin auch das Vergeben von Sünden inkludierte. Ich habe die Sonntagsmesse als Bühne empfunden, auf der ich agieren durfte. Das Gebotene war zwar ziemlich abseitig, aber es war eine gute Gelegenheit, mich vor Publikum auszuprobieren.

Mit sechs Jahren schickte man Sie in ein Internat in die Schweiz, mit zehn kamen Sie in das altehrwürdige Jesuitenkollegium Kalksburg nahe Wien. Gefiel es Ihnen dort?
Diese Glaubenskaserne war eine Art Kinderausgabe der heiligen Inquisition. Bei den Jesuiten lernte ich zwei Dinge gleichzeitig kennen: ununterbrochenes Geschwätz über Liebe und die Anwendung radikalster Grausamkeit. Da war eine Kälte, Menschenverachtung und Gnadenlosigkeit zu spüren, die mir bis ins Tiefste widerlich war. Alles in mir war Auflehnung und ein Gefühl völliger Fremdheit.

In einem Ihrer zahllosen Verzweiflungsbriefe schrieben Sie: »Meine geliebte Mami, ich weine Tag und Nacht.«
Ein Besuch zu Hause war nur einmal im Monat gestattet, für eine Nacht von Samstag auf Sonntag, aber meinen Eltern imponierte meine Verzweiflung leider nicht im Geringsten. Ich flüchtete mich in ein Fantasieuniversum und erfand Länder, für die ich Nationalhymnen komponierte und surreale Briefmarken und Flaggen entwarf. Solche Traumexile waren mein seelischer Luftschutzkeller in einer Welt, in der Eigensinn und Sinnlichkeit als Verbrechen geahndet wurden. Die Bestrafungen reichten von Essensentzug und Ohrfeigen bis Karzer. Meine dauernden Unbotmäßigkeiten führten zu einer Verschärfung dessen, wogegen ich rebellierte. Wenn ein Präfekt sagte: »Hände auf den Rücken!«, weil er mich schlagen wollte, habe ich mich auf den Boden fallen lassen. Daraufhin trat er mich zornig mit dem Schuh.

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Sie waren bei Ihren Mitschülern unbeliebt und bezogen häufig Prügel. Warum?
Ich war ein unsportlicher, schlechter Schüler, dem es vor den anderen gegraust hat. Da waren lauter ungewaschene, pubertierende Buben in einem riesigen Schlafsaal zusammengepfercht. Zweimal im Monat durfte man warm duschen. Ich habe auch nicht, wie das in den meisten Internatserzählungen vorkommt, diesen gewissen Freund gefunden, mit dem man eine homoerotische Nähe entwickelt. Ich, mit der Zöglingsnummer 42, war inmitten aller ganz für mich allein, und nur in der Musik und im Lesen und im Berühren der alten Bäume im Park war ein Schimmer von Geborgenheit. Dass wir morgens um sechs Uhr nach dem Weckpfiff der Trillerpfeife als Disziplinübung täglich drei Stunden Sprechverbot hatten, traf mich nicht, denn ich wusste ohnedies nicht, mit wem ich reden sollte. Von mir aus hätten die Erzieher auch zehn Stunden Sprechverbot verhängen können.

Sie haben fünf Jahre in drei Internaten verbracht. Wie hat das Ihre Sexualität geprägt?
Ich bin in einer unglaublichen Körpertabuisierung aufgewachsen. Unserem Frühstückskakao wurde gelegentlich Brom beigegeben, um unsere Geschlechtslust herabzusenken. Trotzdem haben viele Buben sich ein Vergnügen daraus gemacht, im Winter nachts auf den glühenden Kanonenofen im Schlafsaal zu onanieren. Das hat gezischt und gestunken. Ich fand die Internatswelt maßlos grob und primitiv, weil ich aus einer wohlriechenden, luxuriösen Welt kam mit Blumenbouquets, edlen Möbeln, geschliffenen Gläsern und Brahmsliedern.

Ihr Vater war ein Jude, der zum Katholizismus konvertierte und dann sein Sendungsbewusstsein auch zu Hause auslebte.
Nach der Niederringung der Nazis hat er seinen katholischen Besessenheiten mit neuer Wollust gefrönt. Er trat dem Laienorden der Rechtgläubigen Ritter vom Heiligen Grab bei und gehörte damit zum inner circle der Hardcore-Legionäre des Vatikans. Unter meiner Mutter und mir konnte er sich nichts anderes vorstellen, als dass wir Plastilin für seine Vorstellungen von Herrschaftsausübung sind. Meine Mutter hatte die Rolle des hübschen Dummerchens, der kleine Sohn war auserwählt, dereinst bis zum Kardinal aufzusteigen. Papst hat er sich für sein halbjüdisches Kind dann doch nicht vorstellen wollen. Wenn Gäste kamen, musste ich Messen zelebrieren, wie andere Kinder mit Klavierspiel auftrumpfen. Am Ende hieß es: »Mein Sohn wird uns jetzt den Segen erteilen.« Das Positive war, dass ich anschließend Geld für arme Heidenkinder einsammeln durfte. Davon kaufte ich mir heimlich Tarzan-Hefte.

Sie attestieren Ihrem Vater »exzentrischen Sadismus«.
Ein Beispiel von vielen: Als mein Bruder eine Briefmarke in seiner Sammlung vermisste, sperrte mein Vater mich eine Nacht lang ins eiskalte Badezimmer. Am nächsten Morgen ließ er mich schwören, dass ich die Briefmarke nicht gestohlen habe, und befahl, über meinem Kinderbett ein Schild anzubringen mit der Aufschrift: »Wer falsch schwört, dem wächst die Hand aus dem Grab«.

Ihr Vater war Mitinhaber eines weltumspannenden Süßwarenimperiums. Stimmt es, dass Sie sich bis heute vor Süßigkeiten ekeln?
Ja. Inzwischen schaffe ich es aber immerhin, zweimal im Jahr eine Mousse au Chocolat zu essen.

Ihr Vater flüchtete vor den Nazis nach London und wurde in der von Charles de Gaulle angeführten französischen Exilregierung Verbindungsoffizier zum Weißen Haus. Seit dieser Zeit soll er drogenkrank gewesen sein.

Vielleicht konnte er sich nicht verzeihen, im Unterschied zu vielen seiner Freunde und Verwandten den Holocaust überlebt zu haben. Wenn er sich bei düsteren Stimmungen aus einem grünen Fläschchen opiumhaltige Tropfen auf die Zunge träufelte, hatte er Visionen, in denen er Botschaften für mich empfing. Dann hörte ich Sätze von ihm wie: »Erzengel Michael lässt dir etwas ausrichten …«


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