Beliebte Posts

Donnerstag, 22. März 2012

Kraftspenderinnen im Kreißsaal

Wenn die Wehen einsetzen, wissen die meisten Schwangeren die praktische Erfahrung der Geburtshelferinnen zu schätzen – vor allem ihr sensibles Gespür für die Nöte und Ängste unter der Geburt. Doch immer mehr Hebammen haben Probleme, ihren Beruf auszuüben. Hebamme Susanne Haag kann ein Lied davon singen.

Für Susanne Haag war klar, dass Hebamme ihr Traumberuf ist. Nur Tierärztin wäre für sie noch in Frage gekommen, als sie vor rund 30 Jahren eine Entscheidung traf: Frauen in ihrer wohl prägendsten Lebensphase zu helfen und sie sicher durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu begleiten. Den Müttern ihre Kinder zu erklären und ihre Kompetenz im Umgang mit ihnen und sich selbst zu stärken. Sie hat ein enormes Erfahrungswissen, das zugleich etwas melancholisch stimmt, denn Haag gibt nach 30 Berufsjahren ihre Berufung - die Geburtshilfe - auf.

Kinder "holen" lohnt nicht mehr

Trotz ihrer hohen Qualifikation und Verantwortung werden Hebammen schlecht bezahlt. Hinzu kommt: Immer mehr freie Hebammen müssen auf das verzichten, was ihre eigentliche Berufung ist: Frauen bei der Geburt beizustehen. Schuld sind die rasant gestiegenen Versicherungssummen, die sie zahlen müssen. Inzwischen muss eine freie Hebamme rund 5000 Euro jährlich an Beiträgen aufbringen. Ab Juli 2012 wird es einen erneuten Anstieg um 15% geben.

Susanne Haag und ihre Kolleginnen ziehen daraus notgedrungen ihre Konsequenz. „Wir werden ab Juli 2012 mit der Geburtshilfe aufhören“, resümiert sie. Ihr geht es wie vielen anderen freien Hebammen in der Geburtshilfe, für die Kinder holen nicht mehr lohnt.

„Wenn vor 30 Jahren Kinder im Kreißsaal schwere Geburten hatten oder starben, sprach noch nicht einmal der Chefarzt mit uns darüber. Jeder nahm diese tragischen Geburten so an, wie sie waren.“ Heute, sagt sie, versuchen die Krankenkassen, die immens gestiegenen Betreuungskosten eines geschädigten Kindes auf die Hebammen abzuwälzen.

Immer mehr Paare wollen eine Hebamme

Chinesische Heilmassagen, Akupunktur, Aromatherapie: Heute bieten Hebammen ganz andere Leistungen an als noch vor 30 Jahren. Vieles ist anders geworden, auch wünschen sich immer mehr Paare als früher eine Betreuung während und nach der Schwangerschaft. Auf den Geburtsstationen und auch im Berufsalltag der Hebammen hat sich vieles verändert: „Alles ist umständlicher, arbeitsintensiver, bürokratischer geworden“, klagt Susanne Haag. „Die Zeit mit der Patientin und ihre Zustimmung und Zufriedenheit spielt in diesem System scheinbar keine Rolle mehr. Es geht meist um Dokumentationen und Absicherung. Ein wahrer Papierkrieg.“

Hinzu kommt: Kaum jemand kann den Stress nachvollziehen, dem eine Hebamme permanent ausgesetzt ist. „Ständige Rufbereitschaft, Überarbeitung, Erschöpfung und soziale Isolierung machen uns Hebammen am meisten zu schaffen. Ich konnte noch nicht einmal am 85. Geburtstag meiner Mutter teilnehmen.“

„Hebammenhilfe ist nicht zu ersetzen“

Was aber, wenn immer mehr Hebammen aufgeben? Wenn die Versorgung der Schwangeren nicht mehr gewährleistet ist? Haag: „Es schmälert die Kraft der Frauen, es richtet sich gegen die so schutzbedürftigen Neugeborenen in ihrer Prägephase, gegen das Elternpaar und gegen die Familie.“ Was sie als Hauptaufgabe des Hebammenstandes sieht, bringt sie auf eine klare Formel: „Schwangere Frauen betreuen und ernsthaft und kompetent durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zu begleiten. Alles zu beruhigen. Hebammenhilfe mit Zeit, Kompetenz und Hingabe ist nicht zu ersetzen“.

Auf die Frage, welche Konsequenzen es hätte, wenn immer mehr Hebammen aufgeben, sagt sie: „Eltern und Kinder werden noch gestresster, geschwächter, kränker, bindungsunfähiger und später süchtiger nach Dingen, die doch niemals ersetzen können, was anfangs fehlte.“ Was das sei? „Ruhe, Zärtlichkeit, Geborgenheit und Vertrauen“, weiß Haag.

Schmerz macht Frauen stärker

Werdende Mütter wissen wohl, dass sie bei der Geburt ihres Kindes die vielleicht schmerzhafteste Erfahrung ihres Lebens machen werden. Da ist die Sorge, nicht mit dem Geburtsschmerz umgehen zu können oder nicht zu wissen, inwieweit sie selbst unter der Geburt die Anwendung einer Schmerzbehandlung mitbestimmen können. „Schmerz gehört zum Leben. Wir sind danach stärker, weil wir unsere eigene Kraft erfahren. Ich verspreche den Frauen, sie nicht zu überfordern und zu gefährden. Und so wird es gemacht.

Die Frauen machen das gut und sind danach mit sich und uns zufrieden“, meint Haag. Die technisierte Vorsorge- und Geburtsmedizin sieht sie kritisch. „Wir können viel über Sicherheit reden, aber wir sollten Frauen nicht ihre Selbstsicherheit nehmen“, zitiert sie einen befreundeten Frauenarzt. Über das in vielen Jahren erarbeitete Wissen und ihre Erfahrung, die sie in den langen Berufsjahren gesammelt hat, will sie jetzt ein Buch schreiben. Darin werden Schwangere erfahren, wie sie mehr Ruhe, Gelassenheit und Natürlichkeit in diese Lebensphase bringen können.

Kategorie: Schwangerschaft und Geburt

View the original article here

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen