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Freitag, 9. März 2012

Hilfe für missbrauchte Kinder in Not

Duisburg.   Der Kinderschutzbund therapiert seit Jahren Kinder, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden. Das Angebot wird allein durch Spenden und Bußgelder getragen. Dabei gibt es kaum Alternativen.

Das Haus ist völlig windschief, scheint keinen Halt zu haben. Aber das Mädchen ist die schöne, große Prinzessin, der böse Mann im Hintergrund ist nur noch ein kleiner schwarzer Wicht. Das Bild ist Zeugnis einer Heilung, ist das Ergebnis langer Therapiearbeit nach sexuellem Missbrauch an Kindern.

Therapie, die der Kinderschutzbund kostenlos anbietet, weil sexueller Missbrauch nicht als Erkrankung gilt und die Behandlung deshalb auch nicht von Kassen getragen wird. Warum das so ist, diese Logik erschließt sich Ellen Bollmann nicht. Sie kümmert sich seit 21 Jahren um Kinder und Jugendliche, die Missbrauch erlebten und Hilfe brauchen. 1500 Kinder begleitete die Heilpädagogin und Gestalttherapeutin seither feinfühlig zurück ins normale Leben, brachte diverse Täter hinter Gitter, unterstützt Eltern und andere Begleitpersonen im Umgang mit der heiklen Thematik.

Ellen Bollmann leitet, nein, ist die Fachberatungsstelle für von sexueller Gewalt betroffene Mädchen und Jungen und deren Bezugspersonen des Kinderschutzbundes. Und seit 21 Jahren bangt sie regelmäßig um ihren Job, denn getragen wird ihre Arbeit von Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Bußgeldern.

Im Schnitt zwei Jahre dauert eine Therapie, die jüngsten Patienten sind 3, die ältesten 21 Jahre alt. Bei vielen ist der Täter ein Familienmitglied - Vater, Bruder, Opa. Fälle mit fremden Außentätern sind seltener, Frauen als Täterinnen liegen statistisch bei 10 Prozent, oft als Teil eines Paares. Mädchen sind häufiger das Opfer, in 100 Fällen ist weniger als ein Drittel männlich. Aber auch die Jungs brauchen Hilfe, die in den letzten zehn Jahren ein männlicher Therapeut leistete. Vergangenheit. Sein Vertrag musste gekündigt werden, weil der Kinderschutzbund das Gehalt nicht mehr zahlen konnte und alles Spendengetrommel nicht half.

Jetzt gilt es einmal mehr, wenigstens das Angebot für die Mädchen zu sichern. Was sie erlebt haben, reicht vom Übergriff im heimischen Kinderbett über Pädophilie auf dem Schulklo bis zum Missbrauch via Internet per Webcam. Die Art der sexualisierten Gewalt ist bei jedem anders, die Beziehung zum Täter auch - allen gleich ist am Ende aber der Verlust von Sicherheit, der Vertrauensbruch mit der Erwachsenen-Welt. Dieses Vertrauen muss Bollmann mühsam wieder herstellen, erst dann kann die eigentliche Arbeit beginnen.

Übers Spielen, „das ist das Medium für Kinder, wie sie die Welt erleben“, sagt Bollmann. Im Spielzimmer des Kinderschutzbundes gibt es Maltische und Puppenhäuser, Berge von Kuscheltieren, Häuser zum Verstecken, gemütliche Ecken. „Vater, Mutter, Kind mögen die meisten besonders, es gibt Aufarbeitungsmöglichkeiten über dieses Rollenspiel“, erzählt Bollmann, die täglich mehr zu hören bekommt, als einem lieb sein kann. Als man hier schreiben könnte. In Supervisionen lernte sie „die Nähe zum Kind, gleichzeitig aber auch die Distanz zum Problem zu wahren“. Am Ende ist ihr Beruf eine Berufung. Wird sie gebraucht, ist sie da.

Und leistet Dinge, die ein niedergelassener Therapeut nicht leisten kann. Er rechnet pro Stunde ab, Bollmanns Arbeit geht aber über die reine Therapie hinaus, umfasst das Kindeswohl in all seinen Facetten. Ein Beispiel: Der Vater ist der Täter, die Mutter hat es zwar geschafft, Hilfe für ihr Kind zu suchen, schafft es aber nicht, sich vom Vater zu trennen, ein Abhängigkeitsverhältnis, eigene Missbrauchsgeschichte spielt eine Rolle. Dann unterstützt Bollmann auch die Mutter in langen Gesprächen, mit weiteren Hilfsangeboten in Kooperationen. Sie nimmt den Namen des Vereins wörtlich: Kinder-Schutz-Bund. Damit der Täter auf jedem Bild am Ende der kleine schwarze Wicht ist.

Annette Kalscheur


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